Die Sonne war bisher unerbittlich und inzwischen sehe ich aus wie Rudolph the Red-Nose Reindeer. Nur mit dem Unterschied dass sich seine Nase nicht pellt – heute Yosemite: SunCream nicht vergessen! Am Ende wird sich das als geringstes Problem herausstellen, aber der Reihe nach…
“6 inch, Chicken…” – nee, Überraschung! Das Hotel bietet ein Original Amerikanisches Frühstück – Waffeln, Pancakes mit Ahornsirup, Müsli, Eier… es ist 6.30 Uhr morgens. Runter bekomme ich davon leider noch nix. 2 Waffeln, das höchste der Gefühle. Egal, rein in den Schlund und ab auf die Piste.
Der Weg im Yosemite Valley ist großartig. Stilecht schlängelt er sich am Merced River entlang, steile Anhänge neben riesigen Felswänden, die immer größer werden, je weiter wir uns dem Startpunkt nähern. Ich glaube jeder Fels will hier den vorherigen in seinem Anblick übertrumpfen. Schon jetzt eine Eindrucksflut. 8:35 Uhr sind wir da, wir packen nochmal 2 Wasserflaschen extra ein und Chris besorgt Kaffee für den Anfang. Als Scherz bringt er noch für jeden ein Mini-Flächchen Energysaft mit. “Für den Notfall!” lacht er und dann geht’s los…
In einem Lehrvideo haben wir gehört, dass der Weg (hoch und runter) in Summe circa 24 km lang ist, zu denen sich freudige 3000 Höhenmeter gesellen. Die Zahlen lassen uns irgendwie kalt, immerhin sind wir 2,5 Supermänner auf Urlaub. Der Weg setzt sich zu dem aus mehreren Abschnitten zusammen. Der Anfang – für mich seichtes Vorgeplänkel. Der Weg ist schön betoniert, ausgebaut geht im Schnitt zwischen 10 und 25% mal hoch gleich wieder runter und wieder hoch. Harmlos, aber er lässt schonmal erahnen, auf welche Aussichten, man sich einstellen kann. Dann kommt der zweite Abschnitt. Der Aufstieg zu dem Vernal Fall, ein kleiner schmaler Wasserfall, dessen Aufstieg mit den lieblichen Worten “Last Point for Water!” per Schild markiert ist. Wir sind uns sicher dass wir genug haben – cirka 2,5 Liter für jeden. Wir gehen weiter und ab jetzt ist Schluss mit lustig. Betonweg am Popo, die Stufen wurden entweder aus dem Felsen gesprengt oder es wurden einfach Felsblöcke als Hilfstreppe hingelegt. Das Herz beginnt das erste mal ordentlich zu pumpen. Gefühlt ist jede Stufe Knie hoch… Apropo Knie! Da war ja was. Eingehüllt in die Bandage sagt es nichts. Kein Mucken, kein Murren, kein Stechen! Meine Laune hebt sich, da ich das Wunder bekomme, auf das ich gehofft habe. Noch ne Stufen, Blick nach links – geile Aussicht in ein Tal. Eingekesselt von zwei Riesen und einem Dritten an deren Fußende. Blick nach unter – nein, besser nicht – Blick nach vorn, nur nach vorn dem Wasserfall entgegen und der ersten großen Pause die wir uns gönnen. Die Jungs rennen meist vor, aber immer noch in Sichtweite. Dass eine bekennende Couchpotato mit einem Ex-Marathon Läufer und einem Fitness-Junkie nicht mithalten kann, war mir im Vorfeld klar. Daher lass ich sie ziehen, auch wenn ich das Gefühl habe, sie wollen hier einen Zeitrekord aufstellen. Der Abschnitt endet mit einer kleinen glatten und riesig großen Felsplattform, die ein wahnsinnigen Blick auf das bietet was wir bisher geschafft haben. Sitzen, trinken, powerriegel essen. Sobald wir die Riegel auspacken sind wir umzingelt – Eichhörnchen Alarm! Die sind hier schon so zutraulich dass sie aus der Handfressen und dabei sogar auf Stefans Bein hüpfen um an das Stück Corny zu kommen. Völlig konzentriert auf das zutrauliche Vieh bemerken wir nicht, dass sich von hinten ein paar weitere an Chris Tasche schleichen. Das sie was stibitzen merken wir erst als es zu spät ist und wir von hinten ein “Take Care!” zugerufen bekommen… kleine miese Bande. Organisiertes Verbrechen – Das Eichhörnchen Syndicat! 10 Minuten später drängt Stefan zum weiter gehen. Dank Wasser und Powerriegel bin ich auch guter Dinge. Das Knie zuckt nicht, was mir weiteren Auftrieb gibt. Also weiter – nächster Abschnitt: Der Aufstieg zu den Nevada Falls, jap die Wasserfälle nach dem Wasserfall. Diesmal breiter, imposanter, steiler, anstrengender und gefährlicher. Der Weg beginnt mit ein kleinen Stück Wald, bei dem ich noch so gute Laune habe, dass ich was trällern muss. Bekannte Melodie, mit neuem Text auf unser Abenteuer bezogen. Wie Lärchengesang klingt das sicher nicht, aber es lenkt ab und bringt die grauen Zellen in Schwung, die sich seit gut 90 Minuten nur darauf konzentrieren immer den richtigen Schritt zu setzen, damit nichts passiert. In der Tat ist das ein wichtige Eigenschaft und ich verstumme als ich den serpentinenartigen Finalaufstieg zu den Falls sehe. Für mich ist das ein Haufen Geröll aus dem man einen Kletterweg gemeißelt hat. Stellenweise nicht breiter als zwei Fuß, dazu schräge Stufen – rutschig durch Sand – echt gefährlich. Der Blick nach unten – Junge, nur nicht runter gucken! Ich quäle mich Stufe um Stufe hoch. Den Blick für den Nevada Fall habe ich schon gar nicht mehr. Auch die GoPro für ein kurzes Filmchen kann mir gestohlen bleiben. So hänge ich da an den Felsen, ringe nach Luft, verschaufe kurz, als ich merke, dass die Mafia mich im Auge hat. Ich blicke hoch und direkt in die Augen von dem kleinen Kerl mit buschigem Schwanz. Er sieht, dass ich kaputt bin und ich bin mir sicher für einen Moment auch ein Grinsen auf seinem Gesicht gesehen zu haben. Ich drohe ihm mit einem Stöckchen und verspreche ihm dass er daran enden wird über einen Feuer wenn er sich nicht schlagartig verpieselt… dieser Aufstieg gibt mir den Rest! Endlich oben angekommen – Halleluja bin ich im Poppes! Der Blick runter ins Tal wird von Bäumen versperrt, aber ich habe ohnehin keine Lust noch mehr Felsen und Berge zu sehen. In der Ferne sehe ich den Berg um den wir zum Anfang herum gegangen sind… solangsam begreife ich, dass musst du auch wieder runter! Jeder einzelne Schritt, jede Stufe, jeden Stein wirst du nochmal sehen müssen und jeder Schritt weiter in Richtung Half Dome verlängert diesen Rückweg, von dem ich schon jetzt Respekt habe.
Gedanken verdrängt – Stefan tippt auf die Uhr. Es ist kurz nach 12, schon über 3h geklettert – was zur Hölle! Nächster Abschnitt, den ich liebevoll die Todeszone taufe. Es ist heiß, der Weg sandig wie an nem Strand, keine Steigung – Gott sei dank. Die Bäume sind karg, vertrocknet, trostlos. Der Marathon-Express rennt schon wieder. Ich lass sie ziehen, soweit dass sie teilweise schon nicht mehr zu sehen sind. Ich bin allein in der Todeszone, die Sonne drückt von oben, kein Wind – es ist heiß! Mein Bandana wickele ich mir zum Schutz um den Kopf – hey, Ami Style denk ich um nach direkt ein Selfie
auch wenn mir alles weh tut – inkl. Knie – ein bissl Spaß muss sein. Vorallem hier im Nichts. In der Ferne sehe ich die Jungs. Pause – juppi! Mein Wasser neigt sich dem Ende und ich schnurre von Chris noch ein Liter. Ab hier geht’s wieder Bergauf, Marathon-Man und sein Adjutant sind schon wieder 50m weiter und bald nicht mehr zu sehen. Ich quäle mich in der Hitze den staubigen Berg hoch. Schritt um Schritt, Meter um Meter. Schon seit 10 Minuten keine Menschenseele gesehen, dass ich vermutlich richtig laufe, leite ich von den Fußstapfen ab. Ich kann nicht mehr – denke ich. Ich bin am Ende. Ich komme an eine Stelle mit Blick auf den Half Dome. Ich brauche ein Fernglas um die Cables zu sehen. Da will ich rauf? Bis dahin soll ich mich jetzt noch schleppen? Und dann wieder runter? Vernunft siegt über Wahnsinn. Mein Knie puckert sowieso und der eigentliche Kampf ist der Abstieg. Ich schicke den Jungs eine Whatsapp, da ich sie schon seit 20 min nicht mehr gesehen hab. Kein Strom oder fließend Wasser, aber voller Handy Datenempfang – Geiles Land!
Ich beginne den Rückweg. Müde, erschöpft, teilnahmslos der Blick immer auf den nächsten Schritt gerichtet. Auf einmal ein lautes Quieken neben mir. Ein Coyote schnappt sich ein Eichhörnchen keine 4m entfernt. Bandenkrieg würde ich das nenne und sage dem Eichhörnchen dass ich es ja gewarnt hätte. Weiter geht’s durch die brütende Hitze der 14 Uhr Sonne. Über den langgezogenen sandigen Weg, mit Blick auf den Half Dome Rücken. Abstieg bis zu den Nevada Falls, steinig, uneben, beschwerlich – ich trinke das Zauberfläschchen von Chris – 5h Extra Power, Vitamine, Koffein, Zucker. Jede Faser schmerzt, aber ich muss hier runter. Auch den schmalen Weg, den ich beim Aufstieg nicht hinunter sehen wollte. Jetzt muss ich hinsehen und es fühlt sich an wie ein dreckiges Grinsen des Berges. Ich brauch ne Pause – ob die Jungs schon oben sind? Ich leg mich auf einen Felsen und nehme mir die Zeit. Der Blick schweift über die steilen Felswände, Bäume, Geröll. Dahinten – das ist der Berg vom Anfang, da muss ich hin. Ich will da auch nur noch hin. Nur runter, mehr nicht. Weiter geht’s. Genervt vorbei an eine immer größere Touri Schaar. Jede Nation, Holländer, Franzosen, Amis und na klar Deutsche. Die gibt’s hier überall… Wuuuusch! Ich rutsche aus! Ein Moment der Unachtsamkeit und schon hängst in den Seilen mit einem Bein im Grab. Die Leute sind nett und fragen direkt ob alles okay sei – sichi, please Beam me down Scotti! Stufe um Stufe geht’s wieder runter. Zwischen Ziel erreicht, Vernal Fall Plateu – Pause, lange Pause! Die Sonne knallt und es gib hier kaum Schatten. Unter einem Baum verharre ich. Die letzte Flasche Wasser breche ich an und weitere Powerriegel – das Nager Sydikat steht auch prompt direkt zur Seite. Ich bin tot, kaputt, alle und ein schwieriges Stück liegt noch vor in brennender Hitze. Ich beschließe mich runter zu schleppen, gehe ein paar Meter hoch zum Abstiegspfad und da passierts, der Vorhang fällt. Mir wird schwarz vor Augen, muss wohl schon über dem Zenit mit den Kräften sein. Mit letzter Kraft setze ich mich hin. Mir wird heiß und kalt. Nicht hier und jetzt! Was soll ich tun? Ich trinke was – Schweißausbruch. Ich bekomm Panik… bin genervt von allem! Neben mir bemerke ich 3 Männer in gelb, die sich um eine Frau kümmern. Ich lese das Wort “Rescue Guard” und fühle mich irgendwie schlagartig sicherer, obwohl die ja nicht wegen mir hier sind. Sie erklären der Frau dass sie ihr helfen. Kostet 150 USD das sie mit der Krankenkasse abrechnen kann. Sie tragen sie auch runter – das kostet dann 900$. Waaaas? 900$, meine Pupillen verengen sich und ich sammle meine letzten nicht vorhandenen Kräfte. Geld war doch schon immer motivierend…
Ich bin sowas von durch. Meine Beine zittern bei jeder Stufe bei jedem Schritt runter. Wuuuusch! Wieder ausgerutscht, aber alles gut! Mit freundlicher Unterstützung vom Knie – DEM Knie – und dem Steißbein kann ich da rutschen stoppen. Der Arm fliegt in die Luft, es hatte was von der Grazie einer Ballerina. Sofort von allen Seiten “Wow, Take Care! All fine?” Ja, alles gut lasst mich! Ich bin genervt – der Weg runter ist voll und ich werde in meinem möglichem Tempo sogar noch gebremst, was mich noch mehr nervt und zu solchen riskanten Überholmanöver verleitet. Das Gute: inzwischen überstrahlen die Schmerzen der restlichen Körperteile das Stechen im Knie – think positive! Obwohl ich die letzten Meter nur noch runterspule und wie ein blickleerer Zombie den ausgebauten Betonweg entlang schleiche. Das letzte Stück zieht sich wie ein Kaugummi. Aber ich packe es ohne Zwischenfälle. Da ist es im Schatten eines Monsters – die rettende Insel, unser Raumschiff, die U.S.S. Germany. Es ist inzwischen 17 Uhr. Ich bin in der Tat knapp 9 Stunden gelaufen. 60 Minuten dauert es, bis ich mich akklimatisiert habe. 90 weitere bis auch die Jungs wieder unten sind. Sichtlich kaputt! Im Vorfeld organisiere ich gekühltes Wasser und etwas Obst zum beißen, ich bin immernoch im schlechten Gewissen, dass ich oben in der Todeszone Chris 1 Liter Wasser abgenommen hatte. Ohne den hätte ich es nicht geschafft bin ich der Meinung. Auch ist es genau der Liter, den Stefan und Chris oben benötigen und den Sie sich von einer Dame geben lassen. Erschöpft sitzen sie auf dem Parkplatz am Boden trinken und erzählen. Erzählen von der Dame, die sie mit Wasser rettete, vom Kampf mit den Cabels und dass selbst Stefan dort gekämpft hat. Die Leute an den Kabeln pushen sich gegenseitig, Motivieren sich, weil es nach dem langen Marsch nochmal eine Stufe höher ist vom Schwierigkeitsgrad her – unmenschlich schwer. Für mich und meine aktuelle Bürohengstkondition unmachbar. Wir steigen ins Auto mit dem Wunsch auf eine Dusche und ein Bett. Es ist dunkel der Weg raus ausm Park zieht sich, man sieht nichts mehr von der Umgebung. Ich fahre in Schwarze, links, rechts, hoch und wieder runter – Stefans Magen zeigt mir nen Vogel. Um kurz nach 21 Uhr sind wir im Hotel. Chris holt noch ne Pizza für jeden an der ich jetzt gleich weiter knabber, denn für einen klaren Gedanken am Abend, war ich zu fertig. 4 Stück Pizza und schnarch!
Erkenntnis des Tages: manchmal muss es nicht falsch sein, nachzugeben und das Wunschziel nicht zu erreichen. Manchmal zählt einfach nur der olympische Gedanke und die Eindrücke die man sammeln durfte fürs Leben… ich war noch nie so über dem Limit…