Der gestrige Abend war wieder angenehm. Man benötigte keine Schere mehr, um sich durch die Luft zu schneiden. Eine konstante Briese aus SO erledigte das für uns, während wir im italienischen à la carte Restaurant unsere vier Gänge schnabulierten. Im Grund ganz lecker, aber irgendwie war ich am normalen Buffet immer satter. Lag vielleicht an den 3 Happen Pomodori zur Vorspeise oder die gefühlt Mikroskopische Lasagne – die lecker war – aber unterm Strich nur die Füllung meines hinteren Backenzahnes war. Naja wir waren ernährt und am Folgetag sollte es sowieso früh raus gehen, denn Sansibar Stadt und vorallem Stone Town stand auf dem Plan. Stone Town – Weltkulturerbe – von den Portugiesen errichtet aus Korallensteinen und vor 1900 _DER_ Umschlagplatz für den Sklavenhandel in Richtung Nahost, Indien und das Gemüse dahinter. Was wir auf dieser Tour an Wissen erhalten, ahnt keiner von uns, als wir vergnügt – okay 3 vergnügt und einer mit Imodium Tabletten Cocktail versorgt – in unseren Bus steigen. Klimatisiert und eine weitere 4er Gruppe an Bord, mit denen wir wenig Kontakt haben, da irgendwie die Chemie nicht stimmt. Nach der ersten halben Stunde merken wir, dass die für uns wie Familie Flodder wirken und wir auf die vermutlich wie die versnobten Trumps. Es passt einfach nicht, aber wir gehen uns aus dem Weg und ertragen die Marotten gegenseitig mit Würde und verdecktem Augendrehen. Die Fahrt nach Stone Town dauert wieder ne knappe Stunde und die füllt unser deutschsprachiger Guide mit Wissen über Sansibar, die Kultur und Religion. Wir erfahren dass die Inseln um Sansibar frei verkäuflich sind und sich hier einige namhafte Vermögende bereits ganze kleine Inseln aus Spekulationsgründen gekauft haben, oder dass die Schulklassen hier 70-80 Kinder umfassen, weil in Afrika eine Familie mit nur einer Frau und 7 Kindern zu den Kleinfamilien zählt. Es gibt in Sansibar keine Rente und je mehr Kinder man hat, desto mehr „Rente“ hat man. Anders ausgedrückt : umso mehr Kids füttern einen im hohen Alter durch. Das gute ist, hier auf Sansibar sind bis zu 80% muslimischen Glaubens, das bedeutet man muss die 15 Kinder nicht nur mit einer Frau haben – 4 gehen auch 🤗 wo wir wieder beim Thema „wer hat, der kann“ sind… positiv anzumerken ist aber auch, dass auf Sansibar alle friedlich und im Glauben nicht fanatisch sondern miteinander leben. So kann es auch vorkommen dass Mister Muslim mit einer Frau Christ verheiratet ist. Man siehts hier halt nicht so eng im Zweifel – Hakuna Matata! Ich find diese Infos spannend und sauge alles auf, obwohl es schon ne Menge Wissen ist. Sogar die Wetterverhältnisse auf Sansibar bleiben mir im Kopf. Aktuell herrscht Winter auf der Insel – Temperatur 25-35 Grad, ganz Sansibar befindet sich in gefrorener Schockstarre und nichts geht mehr – würde man denken, wenn man allein den Worten von Basti unserem Guide lauscht. Sommer – festhalten – bis zu 50 Grad! Sansibar taut dann auf… unglaublich, aber die Hitze soll dann anders sein – trockener, erträglicher.

Naja, jede schöne Reise geht auch mal zu Ende und wir kommen an. Stone Town – geprägt von engen Gassen und dicht an dicht: Business, Business, Business. Die Verkäufer werden sich aber als nicht so hartnäckig und streckenweise nervig heraus stellen, wie ihre Strandkollegen. Apropo Business… was wir nicht wissen, aber am Geruch erahnen können als wir aus unserem Bus aussteigen, ist das Ekel-Highlight auf unserer ganzen Reise. Wir beginnen unsere Stone Town Tour auf einem Markt – vor 1000enden von Jahren Deutschen erbaut – einem Fisch und Fleischmarkt. Guide Sebastian spricht nur davon, wir riechen es nur und dann geht er rein. Allein vor der Tür war der Gestank schon ekelerregend, aber er geht vor und wir können nicht zurück bleiben. Drumherum gehen geht auch nicht – wir müssen da durch. Während alle anderen damit allen Anschein nach kein Thema haben, kämpfen Rinka und ich mit all unseren Sinnen. Wir wissen nicht was wir zuerst machen sollen. Uns auf den Boden konzentrieren, der getränkt ist von Salzwasser, Blut und Fischgedärm… ob wir uns lieber nur darauf konzentrieren den Würgereiz zu unterdrücken, oder ob wir wie ein apnoe – Taucher versuchen die Atemreflexe auszusetzen. Ich glaub Mischung aus allem kennzeichnet am Ende unseren Überlebenskampf. Ohne Witz, sowas haben wir alle noch nicht gesehen. 100erte Menschen, die rohen Fisch verarbeiten bei 30 Grad Hitze, stickiger Luft und zwischen einer Milliarde Fliegen. Ich glaub die sind immerhin im Paradies… während ich mit meinen nicht Feuchtigkeitsresistenten Schuhen dort durch den Schnodder laufe [Notiz an mich selbst: Schuhe nebst Socken noch verbrennen], ignoriere ich dass ein Typ neben mir einen 4 Kilo Oktopoden „reinigt“, oder die Frau daneben irgendwas mit der Tinte von dem Vieh macht. Ich glaub die sammelte die Tinte aus Drüsen in kleinen Kanistern. Oktopoden reinigt man auf Sansibar übrigens auf ein Holzbrett – Wasser drüber, das Vieh kräftig rubbeln aufm Brett und wieder Wasser rauf. Ist am Ende keimfrei, steril und sicher genießbar – bin ich mir sicher! Ich gehe weiter vorbei an Haien, Sardinen und anderem Fischzeug, versuche dabei nicht zu kotzen und starre eigentlich nur auf den erlösenden Ausgang. Der Guide ist in Redelaune und lässt sich extra Zeit. Mir stehts bis zum Zäpfchen! Das eine räudige Katze quer über den Fisch läuft und eine andere direkt daneben pennt, schockiert mich schon gar nicht mehr. Ich will hier nur weg. Raus aus der Pampe unter meinen Schuhen und raus an frische 35 Grad Luft. Als wir an einen Gang kommen, haben wir den Fisch hinter uns gelassen und der Wind steht günstig, sodass wir durchatmen können, was gut und wichtig ist, denn nach dem Fisch, ist vor dem Fleisch… und weiter geht’s munter mit aufgeschnittenen Pansen, Zungen und anderen Innereien der guten alten Kuh. Das ist ein Angriff auf alle Sinne hier. Der Ekel-Level ist auf ner Skala von 1 bis 10 bei ungefähr 22 aber immerhin schon 10 Punkte unter der Fischnummer, da der Gestank hier nur noch halb so schlimm ist, oder meine Geruchsknospe ist schon nach innen gewachsen… Rinka und ich halten durch und behalten alles drin. Als wir am Ende der Halle ankommen eröffnet sich ein anderes Meer der Gerüche: Gewürze. So weit das Auge blicken kann. Hier ist wirklich alles vertreten und Gewürze übertünchen den Geruch von der Fischhalle ganz gut, die sich noch zu unserer linken befindet. Guide Basti… moment… kurze Neudefinierung: Basti ist unser Basti aus Salzgitter und Seba wird absofort der Guide sein – tippt sich besser 😋!

Also Seba führt uns immer tiefer in den Markt. Er ist riesig, verwinkelt, enge Gassen, sodass meist nur ein Mensch hindurch passt… nach europäischem Verständnis. Auf afrikanisch heißt dass: wenn nur noch Platz für einen ist, passen auch zwei plus Mofa gleichzeitig in die Gasse – klar… immer doch… bin leicht genervt, denn Mofa gibts im Stone Town genügend. Und wer denkt die fahren vorsichtig… 😉 1. Hupen Achtung hier bin ich! 2. Hupen Jetzt komm ich!

Wir gehen weiter immer tiefer in die Altstadt rein. Links rechts, Shop an Shop inzwischen auch mal ohne Gewürze und mit Bedarfen des Alltags. Der Aufmerksame Leser hat sicherlich festgestellt, das etwas fehlt. Fisch hatten wir, Kuh auch, Schwein dürfen sie nicht, bleibt noch… genau der Hühnchenmarkt. Wieso auch immer befindet der sich sehr zentral und zu Rinkas und meiner Überraschung ist der ausgesprochen Geruchsneutral. Fotos sind hier nur im vorderen Bereich erlaubt. Die Schlachterei, die wir uns ansehen dürfen, es aber niemand tut, da sind Fotos und Filme verboten. Seba meint „Das mögen sie dort nicht!“ – ja nee is klar. Rinka hatte einen Blick dank kurz offener Tür erhascht und hat das Huhn auf den Boden gedrückt noch sehen können. Bevor das Beil fiel, war auch die Tür zu und irgendein Kerl mit irgendeiner Soße in der Schale auf der Hand fiel in unsere Richting. Fluchtartig verließen wir die Schlachtbank und verdrängten die Gedanken der „Artgerechten Tierhaltung“ vor Ort, in Körben zu 70igst… oder so. Die PETA hätte hier ihre Freude. Weiter geht’s durch die Gassen von Stone Town. Von links nach rechts und quer nach durch – wurde Seba wegrennen, wir würden hier nicht lebend rauskommen. Er zeigt uns viel, ist stolz auf die Stadt und berichtet auch viel geschichtslastiges. Als wir dann an eine Kirche kommen, wir es nochmal schwer. Allerdings nur vom Thema her : Sklavenhandel. Wir stehen auf dem Platz des größten Skalavenumschlagplatzes von Ostafrika. Als der Platz 1867 geschlossen wurde, hat man hier drauf eine Kirche gebaut wo auch der Typ begraben liegt, der den Markt geschlossen hat – zumindest hab ich das so verstanden. Seba holt richtig aus uns erzählt uns, wie Araber als erstes kamen und In Tansania und anderen Ländern die Afrikaner fingen und an die Küste transportierten… falsches Wort… laufen ließen… in Ketten… mit Kind und Kegel, quer durch die Savanne ohne ausreichend Nahrung oder Wasser. Wenn es einer nicht packte, freute sich Kollege Löwenzahn. Vorallem ältere wurden bei diesem Marsch „ausgesiebt“, Mütter die Kinder hatten, waren so „trocken“ dass sie selbst ihre Kinder nicht stillen konnten – kurzer Prozess, der Löwe macht die Drecksarbeit. An Informationstafeln wurde gezeigt wie die Afrikaner getrieben wurden – ein paar davon sind im Anhang. Wird sind dann mit Seba hinunter in einen ehemaligen Sklavenkeller. Wir mussten uns ducken, der war keine 4×4 Meter groß. Vielleicht 1,60 hoch, feucht und am Ende 3 Fensterschlitze. Hier wurden damals wohl bis zu 70 Sklaven gehalten – gestapelt bei 40 Grad Hitze. Viele Überlebten das nicht, weil die Fenster nicht genug Sauerstoff rein ließen, oder weil die Flut die Exkremente – klos gabs ja nicht – aufweichte die im kleinen Gang lagen in dem wir standen… hier unten wurde einem echt anders. Ich hab Seba nach zahlen gefragt, wieviele Menschen versklavt wurden oder ob man Schätzungen hat wieviele umgekommen sind bei den Bedingungen. So akribisch bürokratisch wie das Dritte Reich war man damals jedoch nicht. Aber er sagte auf dem Markt gingen pro Tag 100-180 Sklaven „über den Tisch“ und das über Jahre. Für mich steht fest, dass diese Sache hier dem Dritten Reich in puncto Grausamkeit und Unmenschlichkeit in nichts nachsteht. Ich befürchte ja fast auch, dass hier auch Millionen ihr Leben ließen. Besonders grausam fand ich die Erzählung, dass Familien ihre Kinder an den Sultan von Sansibar als Sklaven verkauften, um ihre restliche Familie durch zu bringen…

Auch erschreckend fand ich die Selbstverständlichkeit, mit der Seba da über die Vergangenheit seines Volkes sprach. Da war kein Zorn in der Stimme nichts, obwohl das noch keine 100 Jahre her ist.

Naja inzwischen sichtlich erschöpft lassen wir uns von Seba weiter führen. Zum „House of Wonder“ – hat der Sultan gebaut und war das erste Haus mit Strom auf ganz Sansibar… Strom geht jetzt nicht mehr, das Haus kaputt und das einzige Wunder daran ist, dass es noch nicht eingestürzt ist. Wir kommen am Hafen vorbei, an eingestürzten Festungen und am Haus wo Freddy Mercury geboren ist. Zumindest sagt uns das Seba. Unser Reisemensch hier vor Ort sagte aber bereits dass das nur ein beliebiges Haus in Gedenken an die Freddy Geburt auf Sansibar ist. Business everywhere! Wir schließen unseren Rundgang mit einem Einkaufstempel, es ist inzwischen 14 Uhr und wir waren 4 Stunden unterwegs. Als nächstes stand für uns eine Gewürzfarm auf dem Plan bevor es ins geliebte Hotel zurück geht… aber das meine Lieben, gibts erst morgen 🙂

Erkenntnis des Tages:

Grausamkeit gibt es überall auf der Welt, da war das Dritte Reich keine Ausnahme wie es immer stilisiert wird, sondern es war nur eine von vielen…

Reisetagebuch 10. Tag