4.30 Uhr – der Wecker klingelt, die Frisur sitzt…nicht. Junge, wieso tu ich mir das im Urlaub an? Weil ich so schnell nie wieder die Chance bekommen werde, den Sonnenaufgang im Grand Canyon zu filmen, sage ich mir und stehe auf. Hose an, zwei Tropfen Wasser ins Gesicht, die Bürste durch den Mund gezogen und ab dafür. Die Nacht ist noch nicht vorbei. Sterne funkeln immernoch, aber die Dämmerung hat schon Anlauf genommen. Wir sind ein My später dran, wir sein wollten und ich befürchte fast, dass wir den ersten Sonnenstrahl verpassen. Um genau zu sein, hab ich die Hoffnung schon aufgegeben. Auch als wir Reisebusse zu unserem ausgekundschafteten Platz fahren sehen schwindet die Hoffnung auf einen guten Platz mit optimalen Blick. Stefan scheint das gleiche zu denken, denn er ist schon fast im Laufmodus und 50m vor uns. In der Tat ist der Aufgang schon sehr fortgeschritten aber zum ersten Lichtblitz bleiben dann doch noch ein paar Minuten, als wir am Yaki Point ankommen. Stefan platziert die Spiegelreflexkamera am Abgrund mit besten Blick auf die Sonne. Inmitten zahlreicher anderen Touris. Es ist gut gefüllt, aber immernoch erträglich. Alle sind noch irgendwie verschlafen, kein Wunder die Uhr zeigt gerademal 6 Uhr an. Ich stehe am Geländer, unsere GoPros beschützen, eine Zeitraffer für die Ewigkeit festhalten. Der Wind pfeift hier ordentlich, es ist frisch, aber der Anblick entschädigt jeden Erpelparker. Plötzlich geht es ganz schnell. Das bedrohliche Rot am Horizont wird immer heller und – BÄM – da ist er Sunbeam Nummer 1 am 12.9. 2016 kitzelt meine Netzhaut. Man kann zuschauen wie schnell die Sonne aufgeht. Vor der gewaltigen Lochkulisse des Canyons wird das ganze eine prägende Erinnerung bleiben. Wir bleiben noch eine Weile, ich setze mir ab und an die Kopfhörer auf und unterstreiche den Anblick mit entsprechender Musik. Die Blicke schweifen einmal mehr über Fels und Tal. Die Sonne schiebt sich mehr und mehr in die Höhe und ermöglicht das Schattenspiel im Canyon. Schade denke ich mir, das es heute direkt weiter geht. Das ist ein Ort, da kann man locker 3-4 Tage rumbekommen. Es gibt Wanderpfade, die ich von oben sehen kann, gestern Abend in der Dunkelheit, könnte ich auch Taschrnlampen sehen von Wanderern die spät dran waren, oder Campern, die einfach ne Nacht im Canyon pennen – alles möglich, aber wir haben und beim ersten Mal für ein Maximum an Eindrücken entschieden – Druckbetankung par excellence. Das ist nicht jedermanns Sache, aber für uns ein Kompromiss mit dem wir leben können. Schon jetzt haben wir aber Ziele aus gemacht, die bei einer Tour 2.0 definitiv mit mehr Zeit berücksichtigt werden müssen. Yosemite und jetzt der Canyon, wir sind alle Naturfans, daher passt hier ganz super.

Wir brechen auf nach Norden, den Canyon noch ein bissl entlang nach Page. Unser Ziel morgen der Lower Antelope Canyon. Auf dem Weg dahin nutzen wir noch andere View Points am Canyon und sehen in der Tat immer wieder andere spektakuläre Bilder. Der Canyon und sein Colorado River halten, was sie versprechen. Auch wieder etwas für Google ist dabei – wieso ist der Canyon so geschichtet? Wieso sind die Schichten so farbunterschiedlich? Sehr markant finde ich eine extrem helle Schicht, die sich am oberen Ende der Berge befindet und irgendwie, nach einer Bordüre aussieht. Achtet Mutter Natur auch aufs Aussehen? Fashion-Canyon? 😃

Wir fahren weiter in ein trockenes Land, weitere Steine, Felsen, Sand. Ein Ausläufer des Canyons erregt nochmal unsere Aufmerksamkeit: steile Felswände 100erte Meter nach unten. Zum Glück mit Geländer direkt am Abgrund – Chris ist begeistert und kommt von dem Vorsprung nicht mehr weg – Knips, Bild für die Ewigkeit ☺️

Weiter geht’s die Sonne steht noch günstig, denn wir haben noch ein Highlight heute vor uns – den Horseshoe Bend! Auf Empfehlung eines Arbeitskollegen haben wir das in die Planung aufgenommen und es hat sich gelohnt. Am Parkplatz direkt vor Ort riesige, rote Schilder die vor extremer Hitze warnen und man Minimum 1 Flasche Wasser pro Nase mitnehmen soll. Ich mache große Augen und frage mich, was mich hinter den Hügel, der aussieht, wie eine Sanddüne an der Nordsee, wohl erwartet. Es sind 30 Grad und durch den Wind ist es fast schon super angenehm. Also stapfen wir hoch und hinter der Spitze, ein weiterer Weg langgezogen bis zum Bend und der Blick auf einen unfassbaren Massentourismus – Halleluja ist das voll. Von weitem sehe ich schon eine Million Selfie-Sticks. Ich hasse die Dinger… Der Horseshoe Bend ist ein Hufeisen förmiger Canyon durch den sich der Colorado River schlängelt. Form, Kompaktheit und steile Klippen machen ihn zu etwas echt spannendem. Wir sind beeindruckt und Stefan lässt seinem Hobby freien Lauf. Knips hier Knips da. Pose so und Pose mal so. Ab und an mahne ich zur Vernunft und denke dabei – klasse, bin ich so alt weise und vernünftig, oder habe ich den Sinn fürs Abenteuer verloren? Ein kurz aufkommender aber starker Sandsturm… okay Sandstürmchen gibt mir jedoch recht. Am Rand wartet die Klippe und ganz schnell der Tot. Im Grunde sind die Jungs ja vernünftig, sehr vorsichtig und ziehen mich eigentlich nur mit den Ideen auf, von wo man noch bessere Fotos machen kann. Schönes Katz und Maus spiel 😜

Wir ziehen weiter und beschließen den Abend heute gelassen anzugehen, da das Quality Inn eine Terrasse mit Blick auf das weite Land nebst Sonnenuntergang bietet. Schnell Abendbrot gefüttert – ein Sub geht immer 😎 – und in den Walmart nach was Flüssigem geschaut. Was die hier anbieten an Cornflakes, Chips oder Süßigkeiten ist krank! Natürlich alles in Supersize. Als Vergleich: eine deutsche Tüte mit Erdnussflips ist hier Standard die kleinste Packung. Doppelt so groß die Family-Packung ja und dann Party-Size… heftig! Im Schoko Regal finde ich M&M’s in Sorten die ich nicht mal kenne – Peanutbutter und Mint! Was zum… Mint? Muss ich haben! Ich kaufe beide in Medium, da ich nicht davon ausgehe, dass wir XXL schaffen – 1,2kg M&M’s! 😄 krank sind die hier!

Der Abend klingt aus. Im Hotel haben wir auch endlich wieder Zugang zum Netz. Unser Anbieter deckt die Gegend hier nicht ab. Schon gestern kurz hinter Barstow war Schluss mit Mobil… wir sind quasi auf Entzug 😱

Also sitzen wir, trinken Pale Ale – nichts für mich, aber heute geht’s – schauen in die Ferne und später die Sterne und quasseln mit Peanutbutter M&M’s und 1,2kg geschnippeltem Gen-Obst über Gott und die Welt.

Erkenntnis des Tages: ich bin nicht alt, nur der Vater der Vernunft! … Mutti wird’s freuen 😂

[USA 9. Tag]